So. Guten Morgen erstmal. Nach einem schnellen Frühstück im Hotel (Henrik hatte die kleinen Fische mit Augen – ich hatte die zum Glück nicht) liegen wir etwas platt im Hotelzimmer und werden wahrscheinlich gleich nochmal eine Runde schlafen – hoffentlich gibt es nicht wieder so ein Roomservice-Intermezzo wie beim letzten Hotelaufenthalt.
Aber zurück zu Mittwoch. Tien-I und seine Freundin haben uns nach Hualien gefahren und zu vier sind wir dann in den Zug nach Yilan gestiegen. Dort wurden wir etwas verspätet von Chiao-Ping abgeholt und erstmal zum Essen entführt – Nudeln in allen Variationen – dort trafen wir dann eine Bekannte von Tien-I, die uns allen erstmal das Essen spendiert hat. Danach haben wir Min-Tze – die Tochter von Chiao-Ping – von der Schule abgeholt – und sind in das unglaublich große Haus gefahren, für das sie nur 150 EUR Miete im Monat zahlen.
Ich habe mich sofort auf das Klavier gestürzt, Chiao-Ping hat sich erstmal mit Henrik auf eine Zigarette auf die Dachterrasse verzogen und dann ging es los mit dem Arbeiten. Henrik hat währenddessen selig auf der Couch geschlafen, während ich in die Details des Versuchaufbaus und der Ergebnisse eingeweiht wurde. Ich muss sagen: der Nachmittag hat sich gelohnt. Ich bin um einiges schlauer als vorher, und habe somit (hoffentlich endlich) das Material für de vierten Artikel zusammen.
Nachdem Chiao-Ping und Tien-I noch weiterarbeiten mussten, wurden wir beide kurzerhand in das Auto ihrer Freundin gesteckt, die ihre beiden Kinder abholte – die Nachmittagsbetreuung lag an diesem Tag bei Chiao-Ping. Von ihr wurden wir wurden wir dann nach Luodong gefahren – Nachtmarkt – wir kommen! Der Nachtmarkt war natürlich um einiges kleiner, als die in Taipei und wir hatten schnell den Stand mit der längsten Schlange und folglich dem besten Essen ausgemacht. Unsere ersten zaghaften Annäherungsversuche wurden von einer Horde Mädchen unterbunden, die unbedingt ein Foto mit uns wollten. Diesen Wunsch konnten wir ihnen natürlich nicht abschlagen, und als die Fotosession vorbei war, war die Schlange so lang geworden, dass wir beschlossen, noch etwas zu warten und uns die Zeit mit einem frischgepressten Saft zu vertreiben. Im zweiten Anlauf wurden uns dann sehr schnell mit viel Herumgestikuliererei zwei winzige Hocker an einem der winzigen Plastiktische zugewiesen und dank unserer hervorragenden Chinesischkenntnisse bestellten wir zweimal Stinky Tofu. Unsere Frage, ob es auch noch etwas mit Reis geben würde (sprich: Deuten auf den entsprechenden Eintrag im Lonely Planet) wurde mit einem Wortschwall beantwortet. Es ist immer wieder faszinierend, wie völlig schmerzfrei alle Versuche, irgendetwas in Erfahrung zu bringen auf Chinesisch beantwortet werden, obwohl es völlig offensichtlich sein muss, dass wir beide absolut gar nichts verstehen. Zum Glück erbarmte sich eine Frau am Nachbartisch und wir bekamen zusätzlich eine kleine Schale sehr leckeren Reis mit Hackfleisch. Die noch viel besseren Nudeln waren einfach zu bestellen – das Pärchen gegenüber bekam die Nudeln und man musste einfach nur darauf zeigen
Irgendwie geht es immer. Und so wurden wir dann sehr neugierig beäugt, wie wir 1. Stinky Tofu, 2. mit Stäbchen und 3. mit sichtlich großem Genuss aßen – was für Europäer in Luodong absolut keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.
Viel mehr haben wir in Luodong nicht mehr gemacht – für die Berge etwas zu essen eingekauft, einem Gitarrenspieler gelauscht, und ein bißchen durch die Straßen gewandert. Chiao-Ping hat uns dann abgeholt und dann sind wir sehr schnell sehr müde ins Bett gefallen. Dieses Mal nicht klimatisiert – aber immerhin gab es einen Ventilator – und vor allem gab es einen unglaublich schönen Sonnenaufgang von der Dachterrasse zu bewundern.
Am Donnerstag früh ging es dann mit Sack und Pack los in die Berge. Nach einer langen Fahrt, auf der viele Fotos gemacht und gleich wieder gelöscht wurden, weil kein einziges auch nur annähernd diesen großartigen Ausblick herankommt, kamen wir kurz nach Shih-Chieh in den Bergen an. Dann musste Henrik seine Bergsteigerfähigkeiten beweisen. Über haarsträubende Wege ging es zur Versuchsfläche – am Ende waren wir beide klitschnass, aber nicht wegen des Regens oder Nebels, sondern weil man bei 20°C, quasi 100% Luftfeuchtigkeit und körperlicher Anstrengung so dermaßen schwitzt, dass Regen und Nebel völlig zweitrangig sind. Henrik hat sich den schwarzen Gürtel im Bergsteigen redlich verdient – ich hingegen habe mich gefragt, wie um alles in der Welt ich da vor zweieinhalb Jahren drei Monate nach meiner Knie-OP überhaupt runter und wieder hoch gekommen bin.
Am Abend wurde dann gegrillt, getrunken, gelacht, dann wurden die Schlafsäcke zusammengezippt und geschlafen. Natürlich war die Nacht nicht annähernd so kalt, wie letzten Mal – ich habe sogar geschwitzt ohne Ende (wenn man auch mit so einem Ofen zusammen im Schlafsack liegt…) und jetzt darf ich mir die ganze Zeit anhören, dass es ja gar nicht kalt gewesen wäre…
Am nächsten Morgen gab es eine weitere harte Wanderprüfung zum Yuanyang-Lake, echter Urwald, riesige bemooste Rhododendren, überall Wasser, von oben, unten, vorne, hinten und ein ziemlich erledigter Henrik, der zusammen mit einer ziemlich erledigten Bettina nach drei Stunden wieder klitschnass in der Hütte ankam, wo uns nach einem kritischen Blick von Chiao-Pings Tochter (6 Jahre) nach einem „Warte!“ erstmal ein Fön präsentiert wurde. Es ist einfach unglaublich wieviel Deutsch dieses Kind versteht und spricht – und Englisch noch dazu. Außerdem haben wir viele nützliche Worte wie „Affe“, „Katze“, „Banane“ gelernt, und das Zählen von 1 bis 10 aufgefrischt – dieses Kind ist der beste Sprachlehrer, den man sich vorstellen kann.
Am Nachmittag fuhren wir dann alle zusammen zurück nach Yilan, wo wir unsere Wäsche eingesammelt haben und dann in einem kleinen Restaurant von einer Bekannten von Chiao-Ping alle zusammen gegessen haben. Sehr lecker – wie immer – sehr cool und untaiwanisch eingerichtet, bedient von ihren beiden Kindern, die gar nicht fassen konnten, wie groß wir sind.
Zurück in Hualien haben wir kurz unsere Mails gelesen, und nachdem Günter (ein Bekannter von mir von meinem ersten Aufenthalt) geschrieben hatte, dass er am Wochenende bei seiner Familie in Taichung sein würde, dachten wir uns: Taichung = Westküste = weniger Taifun = trotzdem näher am Süden = näher am Surfen = guter Plan. Samstag mittag hat Shih-Chieh uns also dann zum Bahnhof in Hualien gefahren und für uns die Karten nach Taichung gekauft: 394 km in etwa 5 Stunden, einmal umsteigen in Taipei für 18 EUR pro Kopf. Mit dem Auto hätte man einmal quer durch Taiwan fahren können, aber für diese 220 km hätte man 6-7 Stunden gebraucht. Wenn man hier Zug fährt muss man immer um die Insel herumfahren, und seit dem großen Taifun im August ist die Südstrecke immer noch gesperrt, sprich von Osten nach Westen muss man immer über Taipei fahren.
In Taichung angekommen stand Günter schon am Bahnhof bereit und eröffnete uns, dass er uns gleich in unser Hotel (1400 NTD = 30 EUR für zwei Personen) und dann zur Familie seiner Frau fahren würde. Heute sei Mondfest – ein wichtiges Familienfest – und wir seien eingeladen, mitzufeiern.
Wow. Soviel Gastfreundschaft. Soviel Essen. Soviel Glück zu haben, so etwas mitmachen zu können. Ja, wir haben auch die Schweinefüße gegessen – das soll Glück bringen – auch wenn mein erster Gedanken war: bitte, lass das nicht das sein, wonach es aussieht. Am Mondfest trifft sich die ganze Familie und grillt, es gibt Feuerwerk und eine Menge zu essen. Ein Teil der Familie sprach sehr gut Englisch, Günters Frau ist Englischdozentin an der Uni, die restliche Verständigung lief über viel Lächeln, kleine Verbeugungen, Gesten, „Xie xie“ (Danke) und einem Satz Japanisch – ich muss dringend mein Japanisch wieder aufbessern – ein Jammer, denn der Vater sprach nur Chinesisch – und eben Japanisch.
Vollgefressen fielen wir dann im Hotel aufs Bett und stellten begeistert fest, dass es sogar Internet gibt. Zwei Anrufe daheim, Mails und Taifunwarnungen checken und ich schlief ein. Bis ich von Henrik wachgeschüttelt wurde – dachte ich zumindest, denn nicht Henrik schüttelte mich, sondern das kleine Erdbeben – nur ein paar Sekunden, gar nicht so stark, aber das Gefühl war schon sehr komisch. Das Epizentrum lag in der Nähe von Hualien, es gab dort die ganze Nacht über auch kleine Nachbeben, aber anscheinend ist zum Glück nichts passiert – Shih-Chieh schrieb, dass das Alltag in Hualien ist, und Chiao-Ping hat es in Yilan komplett verschlafen. Was die Taifune angeht: so ganz klar scheint nicht zu sein, was die Taifune vorhaben – wahrscheinlich sind wir erst am Montag ein bißchen schlauer. Unser Zimmer hier ist bis Montag gebucht, dann sehen wir weiter, in eineinhalb Stunden werden wir erstmal von Günter und Familie abgeholt. Auf dem Programm stehen Sightseeing, ein Besuch in einem Restaurant, das zwei US-Amerikanern gehört, denen wiederum ein Surfshop in Kenting gehört (was für ein passender Zufall
) und ein Besuch in einem riesigen Computerladen, wo der Neffe von Günters Frau arbeitet, und uns sicher einen Rabatt auf die sowieso schon unglaublich günstigen Netbooks geben kann (was für ein passender Zufall Nummer zwei
).
Mehr dann vielleicht heute abend…viele Grüße aus Taichung!
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